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Deutsche Kraftwerke: Zu verschenken an Selbstabholer
Think Tank 4-05-2026, 17:05 Politik, Internationale Beziehungen, EU-Skepsis, Energie

Erich Kästner warnte davor, sich nicht nur verhöhnen zu lassen, sondern auch noch bereitwillig mitzuspielen und sich dadurch noch lächerlicher zu machen: „Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken“. Mir ist nicht bekannt, ob die gegenwärtige Regierung literarisch bewandert genug ist, um das Kästner-Zitat zu kennen. Um dem guten Rat des Dichters zu folgen, braucht man allerdings ein Mindestmaß an Selbstachtung. Aber ganz offenbar schlürfen die politischen Postenkleber den Kakao genüsslich, durch den sie von der Selenski-Regierung gezogen werden. Anders ist das Regierungshandeln seit Bekanntwerden der Sprengung der Nord Stream-Leitungen durch die Ukraine nicht zu verstehen.
Wer erinnert sich noch an das unverschämte Verhalten eines Andrij Melnyk? Melnyk war von 2015 bis 2022 ukrainischer Botschafter in Deutschland. Mit scharfer Kritik etwa an zu zögerlichen Waffenlieferungen eckte er oft an. Altbundeskanzler Scholz bezeichnete er einmal als „beleidigte Leberwurst“. Den SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich beschimpft er als „zynischsten und ekelhaftesten deutschen Politiker“, weil er zur Besonnenheit im Umgang mit Russland aufrief und die FDP-Politikerin Strack-Zimmermann kritisierte, die Deutschland in eine militärische Auseinandersetzung hineinrede. Auch nach seiner Zeit als Botschafter hatte es Melnyk nicht so mit dem Bitten. Er forderte im Dezember 2024 eine massive Ausweitung deutscher Waffenlieferungen an die Ukraine. „Ich erwarte von der neuen Bundesregierung, dass die Militärhilfe für die Ukraine im Koalitionsvertrag auf eine stabile Basis gestellt wird. Die künftige Koalition sollte für die nächsten vier Jahre mindestens 80 Milliarden Euro einplanen, also 20 Milliarden Euro pro Jahr.“
Drei Jahre nach dem Sabotageakt der Sprengung der Nordstream-Gasleitungen geht die Bundesanwaltschaft davon aus, dass eine Gruppe von ukrainischen Militärs und Geheimdienstlern mit Unterstützung der ukrainischen Behörden die Sprengung dieses deutschen Infrastrukturprojektes in einer verdeckten Kommandoaktion durchführte. Auch wenn die Leitung zur Zeit der Sprengung wegen des Gasembargos nicht in Betrieb war, so stellt sie doch einen erheblichen materiellen Wert dar. Die doppelröhrige Pipeline mit einer Länge von je 1.224 Kilometern verband Wyborg in Russland mit dem deutschen Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. 2011/2012 erfolgte die Inbetriebnahme der beiden Röhren, deren Baukosten nach Angaben der Nord Stream AG etwa 7,4 Milliarden Euro betrugen.
Vom Polit-Thriller zur Groteske
Im August 2025 berichtete die Deutsche Welle in einem ausführlichen Bericht über den Sabotageakt. Die deutsche Politik jedoch hält sich in dieser Sache unerklärlich zurück und verlangt noch nicht einmal Aufklärung von der ukrainischen Regierung. Es sieht fast so aus, als wolle die deutsche Regierung nicht die öffentliche Akzeptanz für die deutsche Milliardenhilfe für die Ukraine dadurch gefährden, dass sich die Sabotage deutscher Milliardeninfrastruktur durch die Ukraine zu einem öffentlich breit diskutierten Thema entwickelt.
Doch der Nord Stream-Polit-Thriller nimmt nun noch groteskere Züge an. Im Jahre 2013 ging auf dem Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks Greifswald, an der Stelle, wo die Nord Stream-Leitungen anlanden, ein kleines, aber hochmodernes Gaskraftwerk in Betrieb. Es hatte den Zweck, das anlandende Gas aufzuheizen, um es danach mit entsprechenden Parametern ins deutsche Gasverteilernetz einspeisen zu können. Da nun kein Gas mehr ankam, stand diese 84 Megawatt Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage seit 2022 in Reserve rum. Gas ist jetzt so teuer, dass der Betrieb sich nicht mehr lohnt – so der Betreiber. Eigentümer der Anlage ist übrigens der deutsche Staat. Da fragt man sich unwillkürlich – wie ist das denn mit den 24 neuen Gaskraftwerken, deren Bau die Regierung derzeit vorantreibt?
Ganz offensichtlich wissen die Eigentümer und Betreiber des Lubminer Kraftwerks nichts mehr damit anzufangen. Keiner will es betreiben oder gar kaufen. Die Sefe Energy GmbH, die das Kraftwerk bis zuletzt verwaltete, hat alle Verkaufsversuche als gescheitert erklärt und will nun die Anlage „abgeben“. Diese Entscheidung ist nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht bemerkenswert, sondern hat auch eine hohe politische Kakao-Brisanz. Das Kraftwerk soll nämlich nun an einen ukrainischen Betreiber „als humanitäre Hilfe verschenkt“ werden. Einzige Bedingung – der Betreiber muss das Kraftwerk möglichst still und leise selbst aus Lubmin abholen.
Wieder Demontage und Abtransport einer Industrieanlage
Das große Kakao-Schlürfen hat begonnen. Lubmins Bürgermeister macht sich Sorgen, dass das Vorhaben „politisch instrumentalisiert“ werden und dass es zu Protesten kommen könnte. Er sorgt sich deshalb darum, dass der Hafen auf zusätzlichen Sicherheitskosten in fünfstelliger Höhe sitzen bleiben könnte. Offenbar hat der Mann gewisse Erfahrungen mit dem Staat gemacht. Den Ossis im hohen Norden kommen beim Kakao-Schlürfen ungute Geschmäckle längst vergangener Zeiten hoch – nach mehr als 70 Jahren macht sich erstmalig wieder eine deutsche demontierte Industrieanlage in Richtung Osten auf. Hatten doch bis weit in die 50er Jahre hinein die Russen jede Menge ostdeutsche Industrieanlagen demontiert und in Richtung Russland transportiert, wo die meisten Teile dann irgendwo im Nirgendwo neben den Gleisen verrotteten. Die Russen hatten aber auch vorsichtshalber jedes zweite Gleis der Bahn mitgenommen.
Doch zurück in die Gegenwart: Der eingangs erwähnte Andrij Melnyk kommt wohl vor Lachen nicht in den Schlaf, während sein Chef damit beschäftigt ist, die nächsten 90 Milliarden Euro von der Europäischen Union flüssig zu machen, jetzt wo der Orban weg ist. Da sind insgesamt allein für dieses Paket ca. 22,5 Milliarden Euro neue deutsche Schulden dabei, die ungefähr 700 Millionen Euro deutsche Zinszahlungen pro Jahr erforderlich machen. Ja, sie haben richtig gelesen, Deutschland nimmt zusätzliche Schulden auf, um das Geld der Ukraine zu geben. Es ist sozusagen das Geld der Enkel der deutschen Steuerzahler, das da in die Ukraine fließt. Ungarn, Tschechien und die Slowakei machen übrigens bei diesem Schuldendeal nicht mit.
Eines müssen sich die Berliner Strategen aber doch schon sagen lassen, am besten von Herrn Melnyk mit seinem unnachahmlichen diplomatischen Charme: Wenn schon humanitäre Hilfe, dann aber richtig. Selbstabholung ist den Ukrainern nun echt nicht zuzumuten. Lasst die Deutschen das Kraftwerk in Lubmin demontieren, in die Ukraine transportieren und dort wieder errichten. Das kann ja aus irgendeinem der vielen Sondervermögen finanziert werden.
Wo doch Kakao so ein leckeres Getränk ist.

Manfred Haferburg wurde 1948 im ostdeutschen Querfurt geboren. Er studierte an der TU Dresden Kernenergetik und machte eine Blitzkarriere im damalig größten AKW in Greifswald. Wegen des frechen Absingens von Biermannliedern sowie einiger unbedachter Äußerungen beim Karneval wurde er zum feindlich-negativen Element der DDR ernannt und verbrachte folgerichtig einige Zeit unter der Obhut der Stasi in Hohenschönhausen.
Link zur Originalveröffentlichung.
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