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Deutschlands Gas jetzt 5fach so teuer wie zu „Russlands“-Zeiten

25-07-2026, 19:39

von Jochen Mitschka

Deutschland zahlt heute für norwegisches Gas das Fünffache dessen, was zu Zeiten der russischen Lieferungen fällig wurde. Geopolitische Krisen und das Fehlen günstiger Pipeline-Kapazitäten belasten den europäischen Markt stark. Alles war voraussehbar, die Frage ist, ob es auch geplant war.

Rückblick ins Jahr 2018: Das Kölner Forschungsinstitut ewi Energy Research & Scenarios (ewi ER&S) zeichnete eine optimistische Zukunft für den europäischen Energiemarkt. In einer Fachanalyse auf energie.de legten Experten dar, dass die geplante Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 die Gaspreise in Europa und weltweit senken würde. Das wäre für die US-Frackingindustrie der Todesstoß gewesen. Denn zu diesen Preisen war eine Produktion kaum kostendeckend möglich.

Die Vision von 2018: Preisstabilität durch Wettbewerb

Die Argumente der Fachleute klangen plausibel:

  • Erhöhter Wettbewerb: Russisches Pipeline-Gas sollte in direkten Preiskampf mit globalem Flüssigerdgas (LNG) treten.
  • Milliardenschwere Entlastung: Je nach Marktszenario prognostizierte das EWI für das Jahr 2020 eine jährliche Ersparnis von 8 bis 24 Milliarden Euro für europäische Verbraucher.
  • Schließung der Importlücke: Da die Eigenproduktion in Europa sank, galt russisches Gas als kosteneffiziente Säule gegen Engpässe.

Die Realität: Fünffache Importpreise an der Grenze

Die Sabotage der Pipelines machte diese Berechnungen hinfällig. Anstelle des prognostizierten Preissturzes folgte ein historischer Preisschock. Wie die Berliner Zeitung berichtet, zahlt Deutschland heute das Fünffache für Importgas im Vergleich zu den Zeiten vor der Krise, als der Markt primär durch billiges russisches Pipeline-Gas gespeist wurde.

Warum die Sprengung den globalen Preishebel blockierte

Die Zerstörung der Infrastruktur verhinderte genau jenen Dämpfungseffekt, den Ökonomen vorausgesagt hatten. Anstatt flexibel zwischen günstigen Pipelines und LNG wählen zu können, ist Europa heute gezwungen, als Großabnehmer auf dem volatilen Weltmarkt für Flüssiggas aufzutreten. Nochmal: Statt eine angebliche „Abhängigkeit“ von russischem Gas zu beenden, hat die Sprengung eine Abhängigkeit von viel teureren Lieferungen verursacht. Und außerdem hat sich insbesondere Deutschland dadurch noch abhängiger von einem Lieferanten gemacht, der gegen einen großen Teil der Welt Sanktionen verhängt und Wirtschaftskriege führt, wenn das Land den „Erwartungen“ nicht entspricht. D.h. die neue Abhängigkeit ist viel drastischer als sie jemals mit funktionierender NordStream-Pipeline hätte sein können (und niemals war).

Daraus ergeben sich zwei wesentliche Probleme:

  1. Verlust des Preisdeckels: Günstiges russisches Gas fungierte als natürliche Preisobergrenze. Ohne diese Pipeline-Mengen bestimmen die teuren Produktions- und Transportkosten von LNG das europäische Preisniveau.
  2. Globale Krisenanfälligkeit: Da europäische Einkäufer nun direkt mit dem asiatischen Markt um LNG-Schiffsladungen konkurrieren, schlagen geopolitische Erschütterungen sofort durch. Aktuelle Konflikte wie Krisen im Nahen Osten und Blockaden an der Straße von Hormus treiben die Weltmarktpreise unweigerlich nach oben – eine Belastung, die über die Einkäufer verzögert, aber stetig an die Haushalte weitergegeben wird.

Die Entwicklung zeigt deutlich, dass die von Fachleuten prognostizierte „Preisentlastung durch Diversifikation“ ohne die physische Infrastruktur im Hintergrund ins Gegenteil verkehrt wurde. Europa zahlt den Preis für ein System, das maximal anfällig für weltweite Disruptionen geworden ist. Und das war vom ersten Tag der Sprengung von vielen Fachleuten vorhergesagt worden. Aber aus „verschiedenen Gründen“ durch die Politik und Medien nicht berücksichtigt.

Noch gar nicht berücksichtig sind die zusätzlichen Infrastrukturkosten

Deutschland investiert bis zum Jahr 2038 rund 9,7 Milliarden Euro an staatlichen Mitteln allein in den Aufbau und Betrieb schwimmender LNG-Terminals. Die Kosten für das nationale Prestigeprojekt zur Abkehr von russischem Pipeline-Gas haben sich damit im Vergleich zu den ersten Planungen von 2022 mehr als verdreifacht.

Milliardenprojekt LNG: Die Kosten des deutschen Infrastruktur-Sprints

Nach dem abrupten Stopp der russischen Gaslieferungen musste die deutsche Anlandungsinfrastruktur in Rekordzeit neu aus dem Boden gestampft werden. Was im Frühjahr 2022 mit einem Budget von knapp 3 Milliarden Euro begann, hat sich zu einem gigantischen finanziellen Kraftakt entwickelt.

Warum die Kosten explodierten

Die Budgetobergrenzen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) mussten schrittweise angehoben werden. Verantwortlich dafür sind im Wesentlichen drei Kostentreiber:

  • Verlängerte Charterverträge: Zwei der schwimmenden Speicher- und Regasifizierungseinheiten (FSRUs) wurden nicht wie anfangs geplant für 10 Jahre, sondern für 15 Jahre angemietet. Jedes dieser Spezialschiffe schlägt netto mit rund 55 Millionen Euro Chartergebühr pro Jahr zu Buche.
  • Teurer Netzanbindungsausbau: Um das angelandete Gas von den Küsten in das deutsche Fernleitungsnetz einzuspeisen, waren neue Gasleitungen nötig. Der Bund finanzierte diesen Ausbau mit zusätzlichen 641 Millionen Euro.
  • Gestiegene Betriebskosten: Die Bereitstellung der Hafeninfrastruktur an Standorten wie Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Stade und Mukran (Rügen) verteuerte sich durch gestiegene Bau- und Materialkosten erheblich.

Der Übergang zu festen Terminals an Land

Die schwimmenden FSRU-Schiffe gelten gesetzlich nur als temporäre Brückenlösung. Parallel investiert der Staat in den Bau dauerhafter, landbasierter Terminals:

  1. Brunsbüttel: Für das dortige feste Terminal wurden Gesamtkosten von rund 1,5 Milliarden Euro veranschlagt. Der Bund beteiligt sich über die staatliche Förderbank KfW zur Hälfte (940 Millionen Euro) an diesem Projekt.
  2. Stade & Wilhelmshaven: Das geplante feste Terminal in Stade erfordert Investitionen von rund einer Milliarde Euro, wobei der Bund das Vorhaben mit direkten Millionen-Zuschüssen stützt.

Zusammenfassung

Die Sprengung der NordStream Pipeline hatte nicht nur eine ökologische Katastrophe im Jahrundertmaßstab ausgelöst, die weitgehend unter den Teppich gekehrt worden war, die Gaspreise verfünftfacht (und dabei sind manche Notkäufe noch gar nicht berücksichtigt) und Deutschland und andere EU-Länder von Energielieferanten abhängig gemacht, die bekannt dafür sind, Wirtschaft als politischen Hebel zu benutzen. Und auch nicht berücksichtigt ist der ökologische Fußabdruck, der heute Gaslieferungen in die EU belastet. Sondern die Sprengung hat Deutschland und andere Länder gezwungen, in umweltschädliche Anlandungstechnologien Milliarden Euro zu investieren, die nun an anderen Stellen im Budget fehlen, oder Teil der historischen Verschuldungskampagne wurden. Eine Entwicklung, die voraussehbar war, vorausgesagt, aber bewusst in Kauf genommen wurde.

Bild: Screenshot aus NordStream-Analyse

Link zur Originalveröffentlichung.

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