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Wer regiert kompetenter? Ein Qualifikations-Check: Teheran, Berlin, Wien

18-09-2026, 05:03

von Jochen Mitschka

Wenn der iranische Parlamentspräsident die USA mit einer finanztechnischen Formel trollt, wie gerade durch das Internet geistert, kommen Fragen nach der Qualifikation der eigenen politischen Führung (sprich „Drecksarbeit“) auf.

Irans Führung verblüfft die Welt seit dem schief gegangenen Angriffskrieg der USA und Israels mit Wissen und Klugheit, und das, obwohl die erste Linie bereits zu Anfang des Krieges, teilweise mit Familie und Nachbarn, ermordet worden war.


Grundsätzlich gilt, dass die politische Führung nicht unbedingt die Qualifikationen der technischen Beamten haben muss. Allerdings muss sie in der Lage sein, deren Ausführungen zu verstehen, und nicht sie durch solche zu ersetzen, welche ihre Erwartungen an gewünschten Analysen besser erfüllen. Diese Regel wurde anscheinend in einigen EU-Ländern in den letzten Jahren vernachlässigt.

Ein Parlamentspräsident, der die US-Notenbank mit einer erweiterten Taylor-Regel trollt, in der die Straße von Hormus und das Bab-el-Mandeb als geldpolitische Variablen auftauchen „Enjoy the current pump figures“ ist selbst für die Verhältnisse der Islamischen Republik ein ungewöhnlicher Auftritt. Der Urheber, Mohammad Bagher Ghalibaf, ist kein Zufallsprodukt der Twitter-Ära, sondern ein Mann mit Doktortitel in Politischer Geographie, ausgebildeter Kampfpilot und seit seinem 19. Lebensjahr Kader der Revolutionsgarden. Wer über den Umgangston der iranischen Führung spottet, sollte sich also die naheliegende, aber selten gestellte Frage stellen: Wie sieht eigentlich der Lebenslauf derjenigen aus, die in Berlin und Wien über die eigene Bevölkerung sprechen – und ist „Qualifikation“ überhaupt das Kriterium, nach dem irgendeines der drei Systeme seine Spitzen auswählt?

Teheran: Chirurg, Pilot, Kleriker

Das iranische System ist eine Mischung aus geistlicher, militärischer und ziviler Auslese – und genau darin liegt seine Eigenart. Staatspräsident Masoud Pezeshkian ist praktizierender Herzchirurg, ausgebildet an medizinischen Universitäten in Tabriz und Teheran, mit Fronterfahrung als Arzt im Iran-Irak-Krieg und späterer Tätigkeit als Universitätsrektor und Gesundheitsminister. Parlamentspräsident Ghalibaf bringt, wie erwähnt, eine geisteswissenschaftliche Promotion und eine Offizierslaufbahn mit. Über allem steht Ali Khamenei, dessen „Qualifikation“ keine säkulare, sondern eine religionsgelehrte ist: eine jahrzehntelange Ausbildung in den schiitischen Hauza-Seminaren von Ghom und Maschhad, die formal mit keiner westlichen Universitätslaufbahn vergleichbar ist, innerhalb des Systems selbst aber als höchste Form von Fachkompetenz gilt – nämlich als Kompetenz in der Auslegung von Recht und Religion. Der Witz an Ghalibafs Formel ist also auch: Ein Mann mit Doktortitel rechnet einer Zentralbank öffentlich vor, wie Geopolitik in Wirtschaftszahlen übersetzt wird. Das ist, ob man es politisch teilt oder nicht, ein anderes Niveau als ein Fototermin.

(Quelle)

Berlin: Der Anwalt, der nie nur Politiker war

Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz steht dem strukturell näher, als es das öffentliche Bild von „Berufspolitikern“ vermuten lässt. Merz studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Bonn und Marburg, (was manche Kritiker angesichts des Nichterkennens eines Angriffskriegs gegen den Iran hinterfragen) war Richter am Landgericht Saarbrücken, danach Jahrzehnte als Wirtschaftsanwalt und Aufsichtsrat tätig, unter anderem für den Vermögensverwalter BlackRock Deutschland. Seine Legitimation stützt sich also auf juristische Fachausbildung plus jahrzehntelange Wirtschaftspraxis – eine klassische Verwaltungs- und Kapital-Kompetenz, keine geopolitische oder militärische. Bemerkenswert ist der Kontrast zu Ghalibaf: Während der iranische Kader mit einer eigenen ökonomischen Formel gegen die Fed auftritt, bezieht der deutsche Kanzler seine Autorität aus der Vertrautheit mit genau jenem westlichen Finanzsystem, das die Formel angreift.

Wien: Der Anwalt aus Wiener Neustadt

Auch der österreichische Bundeskanzler Christian Stocker ist Jurist: Studium der Rechtswissenschaften in Wien, Promotion 1988, seit 1994 selbstständiger Rechtsanwalt. Anders als Merz verlief seine Karriere jedoch fast ausschließlich innerparteilich – Gemeinderat, Bürgermeister, ÖVP-Generalsekretär, schließlich, binnen weniger Wochen im Frühjahr 2025, „Notlösung“ an der Parteispitze und dann Bundeskanzler, ohne dass er dieses Amt selbst gesucht hätte. Fachliche Qualifikation – ein juristischer Abschluss – trifft hier auf eine Aufstiegslogik, die weniger mit Auswahl nach Eignung als mit dem Ausschöpfen der zufällig verfügbaren Optionen einer Partei in der Krise zu tun hat.

Drei Auswahlsysteme, ein blinder Fleck

Damit zeigt sich das eigentliche Problem der Ausgangsfrage: Alle drei Systeme behaupten implizit, ihre Führung sei „qualifiziert“ – nur ist mit Qualifikation jeweils etwas anderes gemeint.

  • In Teheran zählt eine Mischung aus religionsgelehrter Autorität, militärischer Loyalität und tatsächlicher Fachexpertise.
  • In Berlin zählt juristisch-ökonomisches Fachwissen, kombiniert mit jahrzehntelanger Nähe zur Finanzwirtschaft.
  • In Wien zählt ein juristischer Abschluss, der jedoch weit weniger die Aufstiegslogik erklärt als das parteiinterne Überleben in einer Koalitionskrise.

Keines der drei Systeme wählt seine Spitze nach einem neutralen, überprüfbaren Kompetenzkriterium – jedes Land definiert sich seine eigene Meritokratie so, dass die eigene Elite als legitim erscheint.

Die zweite Garde

Wenn man unterhalb der Spitze weiterschaut, kippt das Bild jedoch. Deutschlands Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil verantwortet den mit Abstand mächtigsten Posten der Regierung mit einem Magister in Politikwissenschaft, Soziologie und Geschichte – Finanz- oder Wirtschaftsexpertise bringt er laut eigenen Angaben und Presseberichten nicht mit, seine Kompetenz gilt als organisatorisch-parteipolitisch erworben. Österreichs Vizekanzler Andreas Babler wiederum ist gelernter Maschinenschlosser, der über den zweiten Bildungsweg einen berufsbegleitenden Abschluss in „Politischer Kommunikation“ an der Donau-Uni Krems erwarb – und verantwortet als Minister nun neben dem Vizekanzleramt auch die Ressorts Kultur und Sport, fachlich ebenfalls Neuland. In Teheran zeigt sich das Gegenteil: Außenminister Abbas Araghchi, die zweite Reihe hinter Pezeshkian, ist promovierter Politikwissenschaftler (PhD, University of Kent) und seit über dreißig Jahren Berufsdiplomat, der die Atomverhandlungen seit 2013 selbst führte – eine Fachkarriere, die in Sachkompetenz kaum von der Position abweicht, die sie bekleidet.

Beim Verteidigungsressort bestätigt sich das Muster sogar noch deutlicher als bei Finanzen und Kultur.

  • Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorius ist gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann und studierter Jurist, der über Jahrzehnte als Kommunalpolitiker (Oberbürgermeister Osnabrück) und niedersächsischer Innenminister Karriere machte – mit dem Militär hatte er vor seiner Berufung 2023 außer dem eigenen Wehrdienst nichts zu tun.
  • Österreichs Verteidigungsministerin Klaudia Tanner ist Juristin, deren prägende Karrierestation die Direktion des niederösterreichischen ÖVP-Bauernbunds war; auch sie kam ohne militärischen oder sicherheitspolitischen Fachhintergrund ins Ressort und ist seit 2020 im Amt.
  • Irans Verteidigungsminister Aziz Nasirzadeh dagegen war Berufsoffizier seit seinem 19. Lebensjahr, ausgebildeter Kampfpilot auf F-14 Tomcat, langjähriger Kommandeur der iranischen Luftwaffe und stellvertretender Generalstabschef, bevor er 2024 Minister wurde – ein Weg, der ausschließlich innerhalb der militärischen Hierarchie verlief. Nasirzadeh wurde im Februar 2026 bei einem israelischen Luftangriff getötet; auch sein Nachfolger stammt aus dem Militärapparat, nicht aus der Partei- oder Verwaltungslaufbahn.

Je weiter man die politische Hierarchie hinunter steigt, desto gravierender wird der Unterschied sichtbar.

(Quelle)

Zusammenfassung

Seit 1979 hat der Iran sich auf den großen Konflikt mit den USA vorbereitet. Und die Verteidigung beruht nicht auf purer Gewalt wie durch eine Kernwaffenexplosion ausgedrückt, sondern durch sorgfältig durchdachten mehrschichtigen Maßnahmen, gelernt und entwickelt aus der sorgfältigen Beobachtung der US-Kriege in der Vergangenheit. Ähnlich wie ein Budo-Kämpfer nutzt der Iran die Kraft des Gegners gegen ihn selbst. Was ohne die Qualifikation der Führung kaum denkbar gewesen wäre.

Auf der allerobersten Ebene lässt sich noch behaupten, alle drei Systeme hätten irgendeine Form von Eignung organisiert – ein Chirurg hier, ein Jurist dort, ein Kleriker als dritte Variante. Sobald man aber eine Etage tiefer schaut, zu den Ministerinnen und Ministern, die das Tagesgeschäft der Macht tatsächlich exekutieren, kehrt sich das Muster um: Die iranische Theokratie besetzt Schlüsselressorts wie das Außenministerium mit jemandem, dessen fachliche Biografie exakt zur Aufgabe passt, während die beiden demokratischen Vergleichsländer ihre wichtigsten Ämter – Finanzen, Kultur – an Parteikarrieristen vergeben, deren Ausbildung mit dem Ressort so gut wie nichts zu tun hat. Ganz zu schweigen vom Ressort Verteidigung. Der Unterschied liegt darin, welche Ebene jeweils nach Fachwissen sortiert wird und welche nach politischer Verlässlichkeit: In Teheran ist es jedenfalls, am Beispiel vom Fall Araghchi, die operative Ebene; in Berlin und Wien ist es fast ausschließlich die Symbolebene ganz oben, während darunter das reine Parteibuch regiert.

Bild: Screenshot von x.com Beitrag

Link zur Originalveröffentlichung.

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