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Die nächsten 30 Tage entscheiden über Kiews Position und Deutschlands Energiepreise

23-10-2026, 06:42

von Jochen Mitschka

Deutschland und die EU weigern sich Gas unter US-Kontrolle aus Russland zu beziehen. Putin signalisiert Gesprächsbereitschaft – aber erst in einigen Wochen. Ob das Diplomatie ist oder ein Plan, wird sich durch die Entwicklungen an der Front und im Hinterland zeigen. Werden die Brücken über den Dnepr gesprengt und der Nachschub dramatisch erschwert? Wird die Energieversorgung der Ukraine durch 30 Tage Dauerfeuer zerstört?

Die Europäische Union und die Bundesregierung stellen sich gegen Bestrebungen der US-Regierung, im Rahmen einer möglichen Friedensregelung für die Ukraine wieder russisches Gas nach Europa zu liefern und gleichzeitig Sanktionen gegen Moskau zu lockern. Aber am 19. Oktober erklärte EU-Kommissionssprecherin Paula Pinho laut TASS und weiteren Medienberichten, die EU halte an ihrer bisherigen Linie fest: Sanktionen gegen Russland sollten nicht aufgehoben werden, bevor der Krieg beendet sei. Die Kommission bekräftigte damit ihren Widerstand gegen eine Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen im Rahmen von Verhandlungen über eine Friedenslösung.

Auch Berlin steht einer Rückkehr zu russischen Gasimporten ablehnend gegenüber. Nach einem Bericht der Berliner Zeitung vom 19. Oktober soll die US-Regierung vorgeschlagen haben, russisches Gas wieder verstärkt nach Europa zu liefern, unter anderem über die Ukraine. Die Bundesregierung habe diesen Vorschlag dem Bericht zufolge zurückgewiesen.

Ein weiterer Streitpunkt ist die Kontrolle über die Energieinfrastruktur. Der russische Außenminister Sergej Lawrow erklärte bereits im März 2026, Washington strebe die Kontrolle über die Nord-Stream-Pipelines an. Reuters berichtete über diese Äußerung. Allerdings legte Lawrow dabei keine näheren Belege vor. Zudem ist dieser Vorwurf von dem konkreten US-Vorschlag zur Wiederaufnahme von Gaslieferungen zu unterscheiden.

Am Mittwoch hat Wladimir Putin in St. Petersburg rund drei Stunden mit dem US-Unterhändler Steve Witkoff gesprochen. Das Ergebnis klingt nach Bewegung: Russland sei grundsätzlich bereit, die Dreiergespräche mit den USA und der Ukraine wieder aufzunehmen. Der Haken steckt im Kalender. Verhandelt werden soll erst in drei bis vier Wochen – und in dieser Zeit kann sich die militärische Lage so verschieben, dass Kiew an einem ganz anderen Tisch sitzt als heute.

Das Signal aus St. Petersburg

Nach Angaben von Putins außenpolitischem Berater Juri Uschakow ist Moskau bereit, die Gespräche „um den 10. November“ wieder aufzunehmen, so die Berliner Zeitung unter Berufung auf Interfax. Ein Termin oder Verhandlungsort ist nicht bestätigt. Im Mittelpunkt soll ein Sicherheitssystem für Russland und die Ukraine für die Zeit nach dem Krieg stehen, wie das aussehen könnte, blieb offen. Die zentralen Streitpunkte sind damit nicht gelöst: Russland verlangt weiter die Kontrolle über das gesamte Gebiet Donezk und den Verzicht Kiews auf einen NATO-Beitritt. Raketen eines „Verteidigungsbündnisses“, das Serbien und dutzende andere Länder bombardierte ist ein Alptraum für den Kreml.

Einen Tag zuvor hatte Witkoff in Oslo mit Wolodymyr Selenskyj gesprochen, gemeinsam mit Norwegens Regierungschef Støre und Finnlands Präsident Stubb. Selenskyj bezeichnete die Beratungen laut Reuters als produktiv und unterstützt eine Waffenruhe sowie trilaterale Gespräche.

Ein ukrainischer Analyst, Wadim Denisenko, deutet Putins Haltung schärfer: Moskau wolle nicht vor Anfang November zurückkehren, also nach den US-Kongresswahlen, berichtet 112.ua. Das zeigt, wie sehr der Kalender selbst zur Verhandlungsmasse geworden ist.

Die Lesart von Military Summary: 30 schwere Tage

Der Militärkanal Military Summary rechnet damit, dass die kommenden 30 Tage die schwersten des Krieges für die Ukraine werden, vor allem für Kiew. Gründe seien immer stärkere Raketenangriffe und Vorstöße an mehreren Frontabschnitten. Dass die Luftangriffe mit großer Härte weitergehen, bestätigt die Lage.

An der Front im Süden meldete das russische Verteidigungsministerium am Montag die Einnahme der Ortschaft Omelnyk in der Region Saporischschja, wie die jemenitische Agentur Saba berichtet. Eine unabhängige Bestätigung liegt dazu nicht vor, meinen westliche Experten – wie bei den meisten Meldungen dieser Art. Wie umstritten die Zahlen sind, zeigt ein Vergleich: Putin sprach zuletzt von rund 6.500 Quadratkilometern, die Russland 2026 erobert habe. Das Institute for the Study of War verzeichnet nach Angaben von 112.ua nur etwa 100 Quadratkilometer. Beide Seiten haben ein Interesse daran, die Frontlage so darzustellen, wie sie ihre Verhandlungsposition stärkt. Für Leser heißt das: Sowohl die Siegesmeldungen aus Moskau als auch die Beruhigungen aus Kiew sind Teil der Verhandlung.

Gebietsfrage: Kontaktlinie, Tausch und die Zahlen

Zwei Berichte befeuern die Debatte. Erstens soll Selenskyj bereit sein, Gebiete abzutreten, aber nur entlang der Kontaktlinie. Zweitens habe Putin über einen Mittelsmann erneut einen Gebietstausch ins Spiel gebracht, so ein Korrespondent der Welt. Der Tausch sei für Kiew nachteilig, weil rund 5.000 Quadratkilometer auf nur etwa 1.500 träfen.

Zur ersten Meldung: Sie wäre ein Bruch mit der öffentlichen Linie. Im August 2025 hatte Selenskyj noch erklärt, die Ukrainer würden ihr Land nicht dem Besatzer schenken. Eine Abtretung „nur an der Kontaktlinie“ würde bedeuten, die bestehende Besatzungsrealität hinzunehmen, ohne zusätzlich Land zu räumen, das Kiew noch hält. Genau dort liegt der Kern des Streits, denn Moskau verlangt genau das: Gebiet, das es militärisch nicht erobert hat.

Zur zweiten Meldung: Die Größenordnung von etwa 5.000 Quadratkilometern passt auffallend zu dem Teil Donezks, den Kiew noch kontrolliert. Das ISW beziffert ihn auf 20,4 Prozent oder 5.530 Quadratkilometer, Putin dagegen behauptet, es seien nur 10 Prozent (112.ua).

Das Muster ist nicht neu. Schon nach dem Alaska-Gipfel 2025 berichteten Medien, Putin fordere den vollständigen Abzug aus Donezk und Luhansk und biete dafür an, die Fronten in Cherson und Saporischschja einzufrieren. Ein Tausch auf Augenhöhe war das nie, sondern der Verzicht auf Land, das Russland nicht erobern konnte, gegen Land, das es ohnehin hält.

Wenn Russland in 30 Tagen an Saporischschja steht

Mehrere Beobachter erwarten, dass der Kreml seine Forderungen erhöht, sobald seine Truppen die Stadtgrenze von Saporischschja erreichen. Die Logik ist einfach: Jede eroberte Ortschaft wird zum neuen Ausgangspunkt. Moskau betrachtet Saporischschja ebenso wie Donezk, Luhansk und Cherson seit 2022 als durch Sezession und Aufnahme in die Russische Föderation als russisches Gebiet und hat nach Putins eigenen Worten die vollständige Kontrolle über die vier Regionen als Ziel. Steht die Armee vor der Regionalhauptstadt, wäre ein Einfrieren der Front in dieser Region für Moskau kaum noch ein Zugeständnis, sondern ein Verzicht.

Eine nüchterne Einschränkung gehört dazu: Eine Analyse der Länder-Analysen bezifferte den Abstand zwischen der Frontlinie und der Stadt zu Jahresbeginn auf etwa 75 Kilometer. Ob Russland die Stadtgrenze binnen eines Monats erreicht, ist deshalb ein Szenario und keine Tatsache. Entscheidend ist aber nicht nur, ob es eintritt, sondern ob beide Seiten damit rechnen. Wer glaubt, dass die Lage nächsten Monat schlechter ist, verhandelt heute anders.

Druck von allen Seiten

Hinzu kommt der Druck aus Washington. Donald Trump hatte am 10. Oktober Selenskyjs Ablösung gefordert und am Montag nachgelegt: Es sei vielleicht an der Zeit, jemand anderen verhandeln zu lassen . Die für die ukrainische Verteidigung wichtigen Satellitendienste Starlink und Starshield sind eingeschränkt, und Selenskyj kritisierte Trumps Vereinbarung mit Moskau über russische Diesellieferungen scharf. Immerhin dankte er den USA für die Wiederaufnahme des Austauschs von Geheimdienstinformationen.

Berlin hält dagegen: Bundeskanzler Merz erklärte, es könne keine Vereinbarung über die Köpfe der Ukraine und der Europäer hinweg geben, und eine Kapitulation komme nicht infrage. Ob diese Haltung ohne amerikanische Rückendeckung trägt, ist die offene Frage der kommenden Wochen.

Zeit als Waffe

Drei Lesarten stehen nebeneinander. Die erste: Moskau meint es ernst und braucht schlicht Zeit für die Vorbereitung. Die zweite: Der Kreml wartet ab, bis die Frontlage seine Forderungen stützt, denn wer später verhandelt, verhandelt aus stärkerer Position. Die dritte: Putin richtet sich nach dem amerikanischen Kalender und den Kongresswahlen Anfang November. Oder es ist eine Kombination.

Die Gegenseite argumentiert spiegelbildlich. Moskau hatte bereits 2025 eine 30-tägige Waffenruhe prinzipiell begrüßt, aber zugleich Bedenken geäußert, die Ukraine könne die Pause zur Mobilisierung und Aufrüstung nutzen. Kiew und seine Unterstützer halten dagegen, Russland nutze Verhandlungsangebote, um Zeit für Geländegewinne zu kaufen. Beide Vorwürfe sind plausibel, und beide sind Teil der Verhandlungstaktik.

Was man in den nächsten Wochen beobachten sollte: ob der Termin um den 10. November tatsächlich mit Ort und Delegationen bestätigt wird, ob Kiew die Kontaktlinie als Verhandlungsgrundlage offen bestätigt oder dementiert, ob die Meldung über Omelnyk unabhängig bestätigt wird und wie sich die Luftangriffe auf Kiew entwickeln. Die Gesprächsbereitschaft ist da. Ihr Preis wird in diesen 30 Tagen festgelegt.

Link zur Originalveröffentlichung.

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