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Wer ist schuld an Deutschlands Niedergang? Natürlich die Arbeitenden!

2-07-2026, 22:41 Politik, Soziales

Bild: Screenshot aus Videobeitrag. Passend zum Tenor des Artikels.

von Jochen Mitschka

Deutschlands Kanzler Merz: Wir können die außergewöhnlich hohen Fehlzeiten in unseren Unternehmen nicht länger hinnehmen. Wir schließen die Krankschreibung per Telefon ab und führen die Pflicht zur Vorlage eines ärztlichen Attests bereits ab dem ersten Tag der Krankheit ein. Wir wissen, dass dies eine harte Entscheidung ist. Aber wir können uns diesen Wettbewerbsnachteil durch langwierige Arbeitsausfälle nicht länger leisten. Endlich wissen wir also, wer an der Wirtschaftsmisere schuld hat!

Also genau genommen, ist es nicht die Abschottung von Märkten wie Iran und Russland, das Selbstabschneiden von sicherer und günstiger Energielieferung aus Russland und das Abhängigmachen von einem Staat, der die Hälfte der Welt sanktioniert, und von einem Gebiet, Westasien, das ständig im Krieg ist. Nein, es sind die Arbeitnehmer, die keine Lust haben bis 70 Jahre und länger zu arbeiten, die ständig unberechtigt krank feiern!


Was riskiert der Kanzler da?

Ärztliche Atteste ab Tag 1 werden den Zugang zum Gesundheitssystem noch stärker belasten, zusätzliche Bürokratie für Praxen schaffen und möglicherweise zu höheren Kosten für Krankenkassen führen. Länderbeispiele und Gesundheitsökonomie zeigen oft trade-offs zwischen Kontrolle und administrativem Aufwand. Das sagen Gesundheitsberichte des RKI aus.

Fehlzeiten sind nicht nur individuelles Verhalten. Sie korrelieren mit Arbeitsbedingungen, psychischer Belastung, Arbeitsverdichtung, Schichtarbeit und prekärer Beschäftigung. Maßnahmen ohne Verbesserung der Arbeitsbedingungen greifen zu kurz, das sagt die Forschung zu Arbeitsbelastung und Gesundheit.

Ohne flankierende Maßnahmen (Prävention, psychische Gesundheitsangebote, bessere Arbeitszeitmodelle) droht eine Pflicht zur Attestvorlage, Symptome zu verschleiern oder Menschen zu verleiten krank zur Arbeit zu gehen — was langfristig Gesundheit und Produktivität schädigt.

Wer wirklich schuld ist?

Aber endlich wissen wir — es sind also die faulen Arbeitnehmer. Natürlich. Schließlich hat niemand sonst jemals Entscheidungen getroffen, die hundertfach größere Folgen haben als ein paar Krankheitstage. Wenn wir schon beim Schuldzuweisen sind. Diese faulen Mitarbeiter haben so einiges versemmelt.

  1. Energieselbstverstümmelung Der Ausstieg aus stabilen, preiswerten Lieferbeziehungen (u. a. zu Russland) ohne ausreichend schnelle, kostengünstige Ersatzversorgung war kein geopolitischer Unfall, sondern eine politische Entscheidung mit volkswirtschaftlichen Folgen. Ergebnis: höhere Energiepreise, Produktionsverlagerungen, Investitionsunsicherheit. Siehe Analysen zur Energieversorgung.
  2. Sanktionen, Kriegsfolgen und die Rechnung Die unmittelbaren und mittelbaren Kosten von Krieg und Sanktionen — direkte Hilfen, Verteidigungsaufbau, Versorgungsketten, Inflationseffekte — summieren sich in die hunderte Milliarden. Es ist bequem, das als externes Naturereignis darzustellen; weniger bequem, die fiskalische und industriepolitische Antwort zu verantworten. Siehe Hintergrund und Schätzungen: z. B. Institut der Deutschen Wirtschaft (IW)
  3. Halbherzige Industriepolitik Statt gezielter, schneller Förderprogramme und Bürokratieabbau für strategische Industrien gab es inkonsistente Subventionen, schwerfällige Antragsverfahren und ein Zögern bei Investitionen in Schlüsseltechnologien (Batterien, Wasserstoff, Chipfertigung). Das verschiebt Wettbewerbsfähigkeit ins Ausland. Siehe z.B. Stellungnahmen vom BDI.
  4. Arbeitsmarkt: Strukturprobleme statt „Faulheit“ Fachkräftemangel, schlechte Weiterbildung, starre Qualifizierungs– und Rentenregeln machen Betriebe angreifbar. Wer von Erwerbsbiografien bis 70 redet, ohne Qualifizierung und automatisierte Produktion zu planen, verschenkt Produktivitätspotenzial.
  5. Fiskalpolitik: Viel Geld, wenig Wirkung Große Rettungspakete, Subventionen und Transferzahlungen mögen notwendig erscheinen — ohne strategische Fokussierung aber verteilen sie nur Ressourcen, ohne neue Wettbewerbsfelder zu schaffen. Transparenz- und Wirkungsfragen bleiben offen. Siehe Haushalts- und Fiskalberichte.
  6. Bürokratie, Regulierung und planwirtschaftliche Züge Regulierungsdichte, Genehmigungszeiten und wechselhafte Rahmenbedingungen erhöhen Risikoaufschläge für Investoren. Wenn Unternehmen nicht planen können, verlagern sie Forschung und Produktion dorthin, wo Planungssicherheit herrscht. Stellungnahmen und Reformvorschläge.

Also jetzt wird sicher alles besser, wenn Frauen mit Menstruationsschmerzen sich im Wartezimmer krümmen und Grippekranke ihre „Bazillen“ dazu werfen. Und endlich werden die Arztpraxen ausgelastet, keine leeren Terminkalender mehr! Auch Krankenkassen werden froh sein, endlich die Tarife erhöhen zu können wegen erhöhter Aufwendungen. Also win-win für alle!

Link zur Originalveröffentlichung.

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