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Der Thüringer Knoten: Vier Akteure und die Grenzen der Brandmauer

Think Tank 18-08-2026, 11:22

von Andreas Funke

Inhalt

In Thüringen geht es längst nicht mehr nur um Mario Voigts Doktortitel oder um den öffentlichen Schlagabtausch zwischen Sahra Wagenknecht und Björn Höcke. Der Konflikt berührt eine grundsätzlichere Frage: Wer bestimmt in einer parlamentarischen Demokratie, welche Mehrheiten politisch zulässig sind – die Wähler oder die Parteizentralen? Im Zentrum stehen vier Akteure, vier Interessen und eine Parteienordnung, die zunehmend mit ihren eigenen Abgrenzungsregeln in Konflikt gerät.


Von links: Katja Wolf (BSW), Mario Voigt (CDU) und Björn Höcke (AfD) bei einer TV-Debatte zur Thüringer Landtagswahl 2024. Das Wahlergebnis bildet den Hintergrund des heutigen Konflikts: AfD 32 Sitze, CDU 23, BSW 15, Linke 12 und SPD 6 – bei insgesamt 88 Mandaten.
Von links: Katja Wolf (BSW), Mario Voigt (CDU) und Björn Höcke (AfD) bei einer TV-Debatte zur Thüringer Landtagswahl 2024. Das Wahlergebnis bildet den Hintergrund des heutigen Konflikts: AfD 32 Sitze, CDU 23, BSW 15, Linke 12 und SPD 6 – bei insgesamt 88 Mandaten.

Es begann früher, als es heute scheint

Es wäre ein Fehler, den gegenwärtigen Konflikt allein auf die Affäre um Mario Voigts Doktorgrad zurückzuführen.

Bereits am 18. Juni 2026 hatte Sahra Wagenknecht öffentlich dafür plädiert, die Thüringer Brombeer-Koalition aus CDU, BSW und SPD nicht einfach fortzuschreiben. Stattdessen brachte sie ein anderes Modell ins Spiel: einen parteiunabhängigen Ministerpräsidenten, der sich für wesentliche Entscheidungen jeweils neue parlamentarische Mehrheiten sucht – nötigenfalls auch mit Stimmen der AfD.[1]

Das ist ein entscheidender Punkt.

Wagenknecht schlug keine Koalition zwischen BSW und AfD vor. Sie stellte vielmehr die Logik infrage, nach der zunächst ein Parteienblock gegen die AfD gebildet und erst anschließend nach politischen Gemeinsamkeiten innerhalb dieses Blocks gesucht wird.

Ihre Frage lautete im Kern: Wenn eine Entscheidung in der Sache richtig ist – warum soll dann entscheidend sein, von welcher Partei die dafür notwendigen Stimmen kommen?

Katja Wolf und der Thüringer BSW sahen das anders. Sie waren bereits Teil der Regierung und wollten beweisen, dass sich Politik auch innerhalb einer Koalition verändern lässt. Für Wolf bedeutete Regierungsbeteiligung praktische Verantwortung. Für Wagenknecht hingegen wirkte sie zunehmend wie der Verlust jenes eigenständigen politischen Profils, für das das BSW überhaupt gegründet worden war.

Der Konflikt war also längst vorhanden.

Die Affäre um Voigts Doktorgrad brachte ihn lediglich zum offenen Ausbruch.

Voigts Doktortitel wird zum Katalysator

Die Technische Universität Chemnitz entzog Mario Voigt den Doktorgrad. Im August wies die Universität seinen Widerspruch zurück; Voigts Anwalt kündigte an, vor Gericht zu ziehen.[2]

Für die Bundesspitze des BSW wurde daraus ein politischer Hebel.

Sie forderte Voigts Rücktritt und verlangte vom Thüringer BSW, ihm die Unterstützung zu entziehen und die Regierungskoalition mit CDU und SPD zu verlassen.[3]

Und genau in diesem Moment betrat Björn Höcke die Bühne.

Höckes Angebot: weniger Personalfrage als strategischer Zug

Am 12. und 13. August wandte sich Höcke öffentlich an Sahra Wagenknecht: Sie solle Ministerpräsidentin von Thüringen werden. Die AfD sei bereit, ihr die notwendigen Stimmen zu geben.[4]

Das Angebot war bewusst provokant.

Der Thüringer Landtag hat 88 Abgeordnete. Die AfD verfügt über 32 Mandate, das BSW über 15. Zusammen sind das 47 Sitze – eine absolute Mehrheit. Zudem muss der Thüringer Ministerpräsident nicht selbst dem Landtag angehören.

Höcke wusste sehr genau, welche Wirkung dieses Angebot entfalten würde.

Denn Wagenknecht geriet damit in eine politische Zwickmühle.

Nimmt sie das Angebot an, fällt eine der wichtigsten Abgrenzungslinien der deutschen Politik.

Lehnt sie ab, kann die AfD ihre Wähler fragen: Wozu spricht das BSW vom Ende der Brandmauer, wenn es in dem Moment zurückweicht, in dem sich tatsächlich eine andere parlamentarische Mehrheit organisieren ließe?

Höckes Vorschlag war deshalb weniger ein ernsthaft ausgearbeiteter Personalvorschlag als ein strategischer Test.

Er bot Wagenknecht nicht in erster Linie ein Amt an.

Er zwang sie, ihre Position zum Umgang mit AfD-Stimmen zu präzisieren.

Wagenknecht sagt Nein – und hält die Tür offen

Ihre Antwort war wesentlich interessanter als ein schlichtes Nein.

Wagenknecht bezeichnete Höckes Vorschlag als nicht ehrlich und nicht ernst gemeint. Sie verwies darauf, dass Höcke sehr genau wisse, dass große Teile der Thüringer BSW-Fraktion im Konflikt mit der Bundesspitze stünden und sie daher selbst keine verlässliche Mehrheit erhalten würde.[4]

Gleichzeitig hielt sie an ihrem eigentlichen Punkt fest:

Voigt müsse gehen.

Die bisherige Konstruktion sei politisch erschöpft.

Thüringen brauche einen parteiunabhängigen Regierungschef.

Sie lehnte also Sahra Wagenknecht als Ministerpräsidentin ab. Sie lehnte aber nicht den Gedanken ab, eine neue Mehrheit jenseits der bisherigen Brandmauer-Logik zu ermöglichen.

Und genau hier begann das eigentliche politische Spiel.

Statt den Schlagabtausch über Presseerklärungen fortzuführen, forderte Wagenknecht Höcke zu einem öffentlichen Gespräch auf: live, mit einem neutralen Moderator und ohne vorbereitete Reden. Diskutiert werden sollten die Unterschiede zwischen AfD und BSW, mögliche Schnittmengen und die Frage eines parteiunabhängigen Ministerpräsidenten.[5]

Am 16. und 17. August wiederholte sie die Einladung. Schließlich machte sie daraus eine persönliche Herausforderung und spielte darauf an, dass Höcke, der gern über Mut und Männlichkeit spreche, wohl kaum als Feigling dastehen wolle.[6]

Das war kein Versuch mehr, die AfD aus der Debatte herauszuhalten.

Es war eine Einladung, die Auseinandersetzung vor den Augen der Öffentlichkeit zu führen.

Höcke übernimmt nicht Wagenknecht – sondern den Kern ihrer Idee

Dann folgte ein weiterer bemerkenswerter Schritt.

Höcke veränderte seinen ursprünglichen Vorschlag.

Nun ging es nicht mehr darum, Wagenknecht selbst zur Ministerpräsidentin zu machen. Stattdessen schlug er dem BSW vor, gemeinsam nach einem parteiunabhängigen Regierungschef zu suchen. Zugleich brachte die AfD ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Voigt ins Spiel.[7]

Damit entstand ein bemerkenswertes Paradox.

Höcke und Wagenknecht stritten öffentlich gegeneinander – und näherten sich zugleich in einem zentralen Punkt an.

Beide stellen Voigt infrage.

Beide können sich einen parteiunabhängigen Ministerpräsidenten vorstellen.

Beide kritisieren die politische Logik der Brandmauer.

Und beide halten grundsätzlich eine Konstellation für denkbar, in der Stimmen der AfD parlamentarische Wirkung entfalten, ohne dass die AfD deshalb formeller Regierungspartner werden muss.

Die Unterschiede zwischen AfD und BSW verschwinden dadurch keineswegs. Sie sind erheblich.

Aber in einem Punkt entsteht eine Schnittmenge:

Die Stimmen von Millionen Wählern dürfen nicht allein deshalb ohne parlamentarische Wirkung bleiben, weil sie für die AfD abgegeben wurden.

Genau das macht die Thüringer Entwicklung für die bestehende Parteienordnung so brisant.

Katja Wolf zieht eine andere Grenze

Doch innerhalb des BSW gibt es eine zweite Machtzentrale.

Sie heißt Katja Wolf.

Wolf führt das BSW in Thüringen und ist zugleich Finanzministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes. Aus ihrer Sicht stellt sich die Lage grundlegend anders dar.

Sie wies Höckes Angebot und eine Zusammenarbeit mit der AfD entschieden zurück. Vor allem aber widersetzte sie sich der eigenen Bundesspitze: Die Koalition solle nicht verlassen werden.

Am 17. August kam es deshalb zu einer Abstimmung von erheblicher politischer Bedeutung.

Die Thüringer BSW-Fraktion trat zusammen. 13 der 15 Abgeordneten waren anwesend. Alle 13 sprachen sich dafür aus, die Regierungsbeteiligung von CDU, BSW und SPD fortzusetzen.[8]

Das ist mehr als eine bloße Meinungsverschiedenheit.

Es ist ein offener Konflikt mit der Bundesspitze.

Die Partei trägt den Namen Bündnis Sahra Wagenknecht – doch ihre Thüringer Abgeordneten weigern sich, der politischen Linie Sahra Wagenknechts zu folgen.

Anschaulicher lässt sich das strukturelle Problem einer stark auf eine Person zugeschnittenen Partei kaum darstellen.

Doch auch Wolfs Lager ist nicht geschlossen

Zwei Abgeordnete fehlten bei der Sitzung: Anke Wirsing und Sven Künzel.

Beide erklärten anschließend, Mario Voigt persönlich nicht länger unterstützen zu wollen. Damit entstand innerhalb des Thüringer BSW eine dritte Position:

Die Koalition müsse nicht zwangsläufig beendet werden – aber Voigt müsse gehen.

Am 18. August präzisierte Wirsing ihre Haltung noch einmal. Sie wolle nicht automatisch gegen Vorhaben der Landesregierung stimmen und halte es auch nicht für zwingend, die Koalition insgesamt zu beenden. Mario Voigt jedoch wolle sie nicht mehr unterstützen. Vorstellbar sei für sie entweder ein anderer CDU-Kandidat oder ein parteiunabhängiger Ministerpräsident.[9]

Damit lassen sich im BSW inzwischen mindestens drei Linien erkennen:

Wagenknecht: Die bisherige Koalitionslogik beenden und zu einem parteiunabhängigen Regierungsmodell mit wechselnden Mehrheiten übergehen – gegebenenfalls auch mit Stimmen der AfD.

Wolf: Die Regierung aus CDU, BSW und SPD erhalten und den „Thüringer Weg“ fortsetzen.

Wirsing und Künzel: Die Koalition nicht zwingend beenden, aber Voigt als Ministerpräsidenten ablösen.

Das ist kein gewöhnlicher innerparteilicher Streit mehr.

Es geht um die Frage, was das BSW politisch überhaupt sein will.

Mario Voigt: Mittelpunkt des Konflikts – und zugleich sein Objekt

Auf den ersten Blick steht Mario Voigt im Mittelpunkt des gesamten Konflikts.

Tatsächlich ist er von den vier zentralen Akteuren die passivste Figur.

Seine Regierung verfügte von Anfang an über keine eigene absolute Mehrheit. CDU, BSW und SPD kommen gemeinsam auf 44 von 88 Mandaten. Für parlamentarische Mehrheiten ist die Koalition daher immer wieder auf Stimmen außerhalb des eigenen Lagers angewiesen – vor allem auf die Linke. Die AfD als stärkste Fraktion bleibt dagegen grundsätzlich außerhalb dieser Konstruktion.

Damit stellt sich eine Frage, die weit über Voigts Doktortitel hinausgeht:

Wozu existiert diese Regierung eigentlich?

Weil CDU, BSW und SPD ein gemeinsames politisches Projekt verfolgen?

Oder vor allem deshalb, weil eine andere parlamentarische Konstellation unter allen Umständen verhindert werden soll?

Falls Letzteres zutrifft, wäre dies keine gewöhnliche Zweckkoalition mehr.

Es wäre eine Koalition der Verneinung.

Ihr stärkstes gemeinsames Fundament bestünde dann nicht in der Vorstellung davon, was getan werden soll.

Sondern in der Einigkeit darüber, wer auf keinen Fall politischen Einfluss erhalten darf.

Genau dagegen richtet sich Wagenknechts Angriff.

Und genau damit arbeitet Höcke.

Vier Akteure – vier Interessen

Nimmt man die persönlichen Spitzen und öffentlichen Provokationen heraus, wird die Lage erstaunlich klar.

Björn Höcke will die Brandmauer als politischen Grundsatz überwinden. Dafür muss die AfD nicht einmal zwingend selbst in die Regierung eintreten. Es genügt, zu beweisen, dass sich politische Mehrheiten in Ostdeutschland auf Dauer nicht mehr ohne oder gegen die AfD organisieren lassen.

Sahra Wagenknecht will die Brandmauer aufbrechen, ohne dabei zum Juniorpartner der AfD zu werden. Ihr Modell ist nicht das Bündnis mit Höcke, sondern die Auflösung starrer Koalitionsblöcke zugunsten wechselnder parlamentarischer Mehrheiten.

Katja Wolf will beweisen, dass das BSW eine regierungsfähige Partei sein kann und nicht dauerhaft eine Protestbewegung bleiben muss, die jeder strategischen Entscheidung ihrer Gründerin folgt.

Mario Voigt will eine Regierung erhalten, deren Fortbestand immer stärker von genau jenem Prinzip der AfD-Ausgrenzung abhängt, das zwei der vier Beteiligten inzwischen offen infrage stellen.

Das ist der eigentliche Thüringer Knoten.

Nationalbolschewismus? Der Begriff greift zu kurz

Einige Beobachter sehen in den Überschneidungen zwischen BSW und AfD bereits die Wiederkehr einer alten politischen Idee: die Verbindung von nationalem und sozialem Protest, eine neue Form der Querfront oder sogar eine Restauration des Nationalbolschewismus. Auch auf Patria Germania wurde diese Entwicklung bereits aus einer solchen metapolitischen Perspektive betrachtet.[10]

Doch mit solchen Begriffen sollte man vorsichtig sein.

AfD und BSW werden nicht zu einer politischen Bewegung.

Ihre Vorstellungen über Wirtschaft, Staat, Gesellschaft, Geschichte und Sozialpolitik unterscheiden sich teilweise erheblich.

Was wir beobachten, ist etwas anderes.

Beide Parteien sprechen Milieus an, in denen die bisherige politische Lagerlogik an Bindekraft verliert. Dort finden Forderungen nach diplomatischer Zurückhaltung statt weiterer Eskalation, nach bezahlbarer Energie, stärkerer Kontrolle der Migration, größerer nationaler Entscheidungskompetenz und nach mehr parlamentarischer Offenheit für Sachmehrheiten Resonanz.

Hier beginnen die alten Kategorien tatsächlich zu erodieren.

Nicht weil „Linke plötzlich Rechte werden“.

Sondern weil ein Teil der Wählerschaft die Einteilung in politisch zulässige und politisch unzulässige Kräfte nicht mehr für eine ausreichende Antwort auf die Probleme des Landes hält.

Die entscheidende Frage stellt nicht Höcke

Man kann heute darüber spekulieren, ob Höcke Wagenknechts Einladung zu einem öffentlichen Streitgespräch annimmt.

Man kann fragen, ob Mario Voigt Ministerpräsident bleibt.

Man kann verfolgen, wie sich der Konflikt zwischen der Thüringer BSW-Führung und der Parteizentrale weiter zuspitzt.

Doch all das ist inzwischen zweitrangig.

Denn Thüringen stellt Deutschland eine grundsätzlichere Frage:

Kann eine Demokratie dauerhaft einen erheblichen Teil der von ihren Bürgern abgegebenen Stimmen aus der politischen Mehrheitsbildung heraushalten und zugleich behaupten, die daraus entstehenden Koalitionen seien Ausdruck des Wählerwillens?

Die Brandmauer war ursprünglich als politische Abgrenzung gegenüber der AfD gedacht.

Heute entwickelt sie sich immer stärker zu einem Mechanismus, der mitbestimmt, welche Regierungen gebildet werden können, welche Koalitionen denkbar sind und welche parlamentarischen Mehrheiten politisch überhaupt in Betracht gezogen werden.

Doch jeder politische Ausschluss stößt irgendwann an eine Grenze. Er funktioniert nur so lange, wie eine hinreichend große Mehrheit der Bürger diesen Ausschluss selbst noch für legitim hält. Wenn die Isolierung einer Partei darüber entscheidet, welche Regierungen überhaupt entstehen dürfen und welche parlamentarischen Mehrheiten politische Wirklichkeit werden können, richtet sich die Frage zwangsläufig nicht mehr nur auf die AfD – sondern auf die Konstruktion der Brandmauer selbst.

In Thüringen verfügen AfD und BSW zusammen über 47 von 88 Mandaten.

Die Regierungskoalition verfügt über 44.

Das verpflichtet niemanden, aus diesen 47 Mandaten eine Koalition zu bilden. Parlamentarische Mehrheiten sind politische und nicht bloß arithmetische Konstruktionen. Aber ebenso wenig lässt sich die Existenz dieser Mehrheit wegdefinieren.

Man kann den Bürgern ausführlich erklären, welche dieser Zahlen politisch gut und welche politisch schlecht sein sollen.

Aber die Arithmetik kennt keine Moral.

47 bleiben mehr als 44.

Und wenn für den Erhalt einer Regierung zunächst ein Teil des gewählten Parlaments grundsätzlich aus der Mehrheitsbildung herausgehalten werden soll, anschließend politische Gegner miteinander koalieren und diese Koalition schließlich noch Stimmen einer weiteren Oppositionspartei benötigt, dann stellt sich eine unangenehme Frage:

Wen schützt die Brandmauer tatsächlich – die Demokratie oder die Macht jener, die ohne sie ihre Macht verlieren würden?

Höcke hat das verstanden.

Wagenknecht hat das verstanden.

Katja Wolf versucht, einen anderen Weg zu verteidigen.

Und Mario Voigt sitzt gerade deshalb noch immer im Amt des Ministerpräsidenten.

Doch politische Konstruktionen brechen selten in dem Moment zusammen, in dem sie zum ersten Mal angegriffen werden.

Sie brechen dann zusammen, wenn genügend Bürger aufhören, sie für notwendig zu halten – und beginnen zu fragen, wessen Interessen sie tatsächlich schützen.

Vielleicht nähert sich Thüringen genau diesem Punkt.

Die unangenehmste Frage

Deshalb lautet die entscheidende Frage in Thüringen überhaupt nicht:

Wird das BSW mit der AfD zusammenarbeiten?

Sie lautet:

Hat eine Partei das Recht, einen Teil eines demokratisch gewählten Parlaments dauerhaft aus der politischen Mehrheitsbildung auszuschließen, nur weil ihr die Wahlentscheidung der Bürger nicht gefällt?

Lautet die Antwort Ja, dann sollte man auch ehrlich aussprechen, was das bedeutet:

Der Wille des Wählers gilt nur so lange, wie er die von den Parteiführungen festgelegten Grenzen des politisch Zulässigen nicht überschreitet.

Lautet die Antwort Nein, dann muss man zu dem zurückkehren, wofür ein Parlament überhaupt da ist:

  • streiten,
  • abstimmen,
  • Mehrheiten bilden,
  • Verantwortung für Entscheidungen übernehmen
    – und die Bürger bei der nächsten Wahl darüber urteilen lassen.

Nicht die Parteipräsidien sind der Souverän.

Nicht die Koalitionsausschüsse.

Nicht die Redaktionen.

Nicht die politischen Stiftungen.

Und auch nicht die sogenannte „demokratische Mitte“, ganz gleich, wie weit sie ihre eigenen Grenzen zieht.

Der Souverän ist das Volk.

Parteien können diesem Souverän dienen.

Sie können seinen Willen aufnehmen.

Sie können versuchen, ihn zu überzeugen.

Sie können irren – und müssen sich dafür vor den Wählern verantworten.

Aber sie dürfen den Souverän nicht ersetzen.

Und wenn ein politisches System an den Punkt gelangt, an dem es zur Bewahrung der „richtigen“ Demokratie zunächst die Folgen des „falschen“ Wahlverhaltens seiner Bürger neutralisieren muss, dann liegt das Problem nicht mehr hinter der Brandmauer.

Dann liegt das Problem auf dieser Seite der Mauer.



Quellen und weiterführende Beiträge

  1. Tagesspiegel: Wagenknecht fordert Suche nach unabhängigem Ministerpräsidenten für Thüringen
  2. MDR: Mario Voigt und der Streit um den Doktortitel
  3. MDR: BSW-Bundesspitze fordert Konsequenzen im Streit um Voigt
  4. DIE ZEIT: Wagenknecht weist Höckes Angebot zurück
  5. DIE ZEIT: Wagenknecht fordert Höcke zum öffentlichen Gespräch auf
  6. Deutschlandfunk: Wagenknecht ruft Höcke erneut zu Gespräch auf
  7. WELT: Höcke bringt parteiunabhängigen Regierungschef ins Spiel
  8. WELT: Wolf bleibt bei Koalition – BSW ringt um Thüringer Regierung
  9. WELT: Differenzen im Thüringer BSW über Voigt und die Koalition
  10. Patria Germania: Deutschland – die Restauration des Nationalbolschewismus?

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